Unter den Göttern Asgards gibt es einen, der kaum ein Wort spricht und dessen große Stunde erst am Ende aller Zeiten schlägt: Vidar. Snorri Sturluson nennt ihn den schweigsamen Asen, und tatsächlich überliefern die Quellen kein einziges Wort aus seinem Mund. Doch wenn beim Ragnarök der gewaltige Wolf Fenrir den Göttervater Odin verschlingt, ist es Vidar, der vortritt und seinen Vater rächt. Gott Vidar, der stille Gott der Rache, verkörpert damit eine Eigenschaft, die in der nordischen Mythologie höchste Achtung genoss: die unbeirrbare Treue des Sohnes, der den Tod des Vaters nicht ungesühnt lässt, und die Kraft, im Verborgenen auf den entscheidenden Augenblick zu warten.
Vidar gehört zu jenen Göttern, die in den großen Erzählungen der Edda kaum in Erscheinung treten und dennoch eine Schlüsselrolle spielen. Seine Geschichte ist ganz auf das Weltende ausgerichtet – und auf die Zeit danach, denn Vidar zählt zu den wenigen Göttern, die den Untergang überleben. Dieser Beitrag stellt Herkunft und Wesen des schweigsamen Gottes vor, erzählt von seinem berühmten Schuh, mit dem er den Wolf bezwingt, und zeigt, welche Spuren Vidar in Stein und Überlieferung hinterlassen hat.
Herkunft: Sohn Odins und der Riesin Grid
Der stille Gott Vidar ist ein Sohn Odins, doch seine Mutter stammt nicht aus dem Geschlecht der Götter. Nach Snorri Sturluson ist sie die Riesin Grid, die in einer anderen Erzählung eine bemerkenswerte Rolle spielt: Als Thor zum feindseligen Riesen Geirröd reiste, kehrte er unterwegs bei Grid ein. Sie warnte ihn vor der Hinterlist seines Gastgebers und lieh ihm einen Kraftgürtel, eiserne Handschuhe und ihren Stab, mit deren Hilfe Thor die Gefahren der Reise überstand. Grid erscheint damit als eine jener wohlgesonnenen Riesinnen, die den Göttern beistanden und mit ihnen Verbindungen eingingen. Der nordische Gott Vidar vereint in seiner Person also wie Odin selbst göttliches und riesisches Erbe – ein Umstand, der in der nordischen Mythologie keineswegs ungewöhnlich war, sondern die enge Verflechtung von Göttern und Riesen widerspiegelt.
Die Bedeutung des Namens Vidar ist nicht sicher geklärt. Häufig wird er mit dem altnordischen Wort für „weit“ in Verbindung gebracht und als „der weit Herrschende“ gedeutet; andere sehen einen Bezug zum Wald. Für letztere Deutung spricht eine Stelle im eddischen Gedicht Grímnismál, das Vidars Land Vidi als eine Landschaft beschreibt, die mit Gestrüpp und hohem Gras bewachsen ist. Dort, so heißt es, verkündet der Sohn vom Rücken seines Pferdes, dass er bereit sei, seinen Vater zu rächen. Snorri betont zudem Vidars gewaltige Kraft: Er sei beinahe so stark wie Thor, und die Götter verließen sich auf ihn in allen Gefahren. Ein schweigsamer, kraftvoller Gott in einer wilden, ungezähmten Landschaft – dieses Bild prägt Vidar bis heute.
- Vater – Odin, der höchste Gott der Asen.
- Mutter – Die Riesin Grid, Helferin Thors auf seiner Reise zu Geirröd.
- Wohnstätte – Vidi, ein Land voller Gestrüpp und hohem Gras.
- Kennzeichen – Der dicke Schuh, mit dem er den Wolf Fenrir bezwingt.
- Beiname – „Der schweigsame Ase“ bei Snorri Sturluson.
Warum der Gott Vidar schweigt
Warum Vidar der stille Gott ist, erklären die Quellen nicht. Die Forschung hat verschiedene Deutungen vorgeschlagen. Eine verbreitete Vermutung verbindet sein Schweigen mit einem alten Brauch, nach dem ein Rächer bis zur Vollendung seiner Tat schwieg oder auf gewisse Annehmlichkeiten verzichtete – ein Gelübde, das seine ganze Kraft auf das eine Ziel lenkte. Vidars gesamte Existenz scheint auf einen einzigen Moment ausgerichtet zu sein, auf die Rache für Odin beim Ragnarök. Bis dahin bleibt er im Hintergrund, wartet und spart seine Kraft. In den Umschreibungen der Skalden, die Snorri zusammenstellt, heißt Vidar entsprechend der schweigsame Gott, der Besitzer des Eisenschuhs, Feind und Töter des Fenriswolfs und Rächer der Götter. Kaum ein anderer Gott der nordischen Mythologie wird so konsequent über eine einzige künftige Tat bestimmt.
Der Gott Vidar in der Lokasenna
Einen seltenen Auftritt hat der Gott Vidar in der Lokasenna, dem eddischen Streitgedicht, in dem Loki beim Gelage des Meeresriesen Ägir die versammelten Götter mit Schmähungen überhäuft. Als Loki einen Platz an der Tafel verlangt, fordert Odin seinen Sohn auf, sich zu erheben und dem Vater des Wolfes Platz zu machen, damit Loki keine Schmähworte spreche. Vidar steht schweigend auf und schenkt Loki ein. Bemerkenswert ist, dass Vidar zu den wenigen Anwesenden gehört, die Loki im Verlauf des Gedichts nicht beleidigt. Die Szene birgt eine stille Ironie: Ausgerechnet der Gott, der Lokis Sohn Fenrir am Ende der Zeiten töten wird, muss ihm hier den Becher füllen – ein Moment der Ruhe vor dem Sturm, der das künftige Schicksal bereits erahnen lässt.
Vidar beim Ragnarök
Nach Völuspá, Vafþrúðnismál und der Prosa-Edda – die Quellen schildern die Tötung des Wolfes unterschiedlich
Der Schuh und die Rache beim Ragnarök
Beim Ragnarök, dem Untergang der Götterwelt, erfüllt sich Vidars Bestimmung. Der Wolf Fenrir, Sohn Lokis, reißt sich von seiner Fessel los, zieht mit aufgerissenem Rachen über die Welt und verschlingt schließlich Allvater Odin. Nun tritt der Gott der Rache Vidar vor. Die eddischen Gedichte schildern seine Rache unterschiedlich: Nach der Völuspá stößt er dem Wolf sein Schwert ins Herz, und so ist der Vater gerächt. Im Vafþrúðnismál heißt es, er werde die kalten Kiefer des Wolfes spalten. Snorri Sturluson verbindet diese Bilder zu einer anschaulichen Szene: Vidar setzt einen Fuß in den Unterkiefer des Wolfes, packt mit der Hand den Oberkiefer und reißt den Rachen auseinander, bis das Ungeheuer stirbt. Damit vollbringt der stille Gott, woran selbst Odin scheiterte, und vollendet die Aufgabe, auf die sein ganzes Dasein ausgerichtet war.
Für diese Tat besitzt Vidar ein besonderes Hilfsmittel: einen gewaltigen Schuh. Snorri erzählt, dieser Schuh sei aus all den Lederresten zusammengesetzt, die die Menschen seit jeher an Zehen und Fersen abschneiden, wenn sie Schuhe anfertigen. Wer den Göttern beistehen wolle, solle diese Reste daher wegwerfen, damit sie Vidar zugutekämen. Diese eigentümliche Erklärung verbindet den kosmischen Kampf am Weltende mit einer alltäglichen Handwerkstätigkeit und macht jeden Schuhmacher zu einem kleinen Helfer der Götter. In den skaldischen Umschreibungen erscheint der Schuh dagegen als Eisenschuh. Beide Vorstellungen betonen dasselbe: Nur ein Schuh von besonderer Festigkeit konnte den Kiefern des Wolfes standhalten, der zuvor selbst die stärksten Ketten zerrissen hatte.
Überlebender des Weltuntergangs
Anders als die nordischen Götter Odin, Thor, Freyr und Tyr fällt Vidar nicht im letzten Kampf. Nach dem Vafþrúðnismál und der Prosa-Edda gehört er zu den wenigen Göttern, die das Ragnarök überleben. Gemeinsam mit seinem Halbbruder Vali, der einst den Tod Balders gerächt hatte, wohnt er danach auf dem Idafeld, dort, wo früher Asgard stand. Zu ihnen gesellen sich Thors Söhne Modi und Magni, die den Hammer Mjölnir erben, sowie Balder und Höd, die aus dem Totenreich zurückkehren. Der Gott Vidar bildet damit eine Brücke zwischen der untergegangenen alten Welt und der neuen, grünenden Erde, die nach der Völuspá aus dem Meer aufsteigt. Bemerkenswert ist, dass gerade die beiden Rächer Vidar und Vali zu den Überlebenden zählen – als hätte die Erfüllung ihrer Pflicht ihnen einen Platz in der erneuerten Welt gesichert.
| Aspekt | Darstellung in den Quellen | Bedeutung |
|---|---|---|
| Abstammung | Sohn Odins und der Riesin Grid | Verbindung von göttlichem und riesischem Erbe |
| Beiname | Der schweigsame Ase (Snorri) | Schweigen als Zeichen gesammelter Kraft |
| Wohnstätte | Vidi, Land mit Gestrüpp und hohem Gras (Grímnismál) | Mögliche Verbindung zum Wald |
| Stärke | Beinahe so stark wie Thor | Verlässliche Hilfe der Götter in Gefahren |
| Schuh | Aus Lederresten (Gylfaginning), Eisenschuh (Skaldik) | Waffe gegen den Rachen Fenrirs |
| Rache beim Ragnarök | Tötet Fenrir, den Mörder Odins | Erfüllung seiner Bestimmung |
| Überleben | Wohnt nach dem Weltende auf dem Idafeld | Brücke zwischen alter und neuer Welt |
Das Gosforth-Kreuz und das Nachleben des Vidar
Ein eindrucksvolles Bildzeugnis für den stillen Gott der Rache Vidar findet sich nicht in Skandinavien, sondern in England. In Gosforth in der Grafschaft Cumbria steht ein über vier Meter hohes steinernes Kreuz aus dem zehnten Jahrhundert, das in einer von Wikingern besiedelten Region errichtet wurde. Neben christlichen Motiven zeigt es Szenen, die an das Ragnarök erinnern, darunter eine Gestalt, die einen Fuß in den Unterkiefer eines Ungeheuers setzt und dessen Oberkiefer mit der Hand packt – eine Darstellung, die auffallend genau Snorris Beschreibung von Vidars Kampf entspricht, obwohl sie rund dreihundert Jahre älter ist. Viele Forscher deuten das Kreuz als bewusste Gegenüberstellung: Der Sieg des Vidar über den Wolf konnte für die neu bekehrten Nordleute zum Sinnbild für den Sieg Christi über das Böse werden.
In Skandinavien ist Vidar bis heute als Vorname verbreitet, besonders in Norwegen. Die Anthroposophie Rudolf Steiners machte den schweigsamen Gott zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zu einer Gestalt mit eigener geistiger Bedeutung, und mehrere Einrichtungen tragen seinen Namen. In der populären Nacherzählung der nordischen Mythen steht er dagegen meist im Schatten seiner lauteren Verwandten Odin, Thor und Loki. Gerade darin liegt jedoch seine besondere Anziehungskraft: Vidar verkörpert eine Form von Stärke, die ohne große Worte auskommt, die geduldig wartet und im entscheidenden Moment handelt. Der stille Gott der Rache erinnert daran, dass in der nordischen Mythologie nicht nur der Lauteste und Mächtigste zählt, sondern auch jener, der zur rechten Zeit zur Stelle ist.
Quellen und weiterführende Literatur
Häufige Fragen zum stillen Gott der Rache Vidar
Wer war der Gott Vidar?
Vidar war ein nordischer Gott, Sohn Odins und der Riesin Grid. Snorri Sturluson nennt ihn den schweigsamen Asen und beschreibt ihn als beinahe so stark wie Thor. Seine wichtigste Aufgabe ist die Rache für seinen Vater: Beim Ragnarök tötet er den Wolf Fenrir, der Odin verschlungen hat.
Warum wird Vidar der stille Gott genannt?
Die Quellen nennen Vidar den schweigsamen Asen, ohne den Grund zu erklären. Viele Forscher vermuten eine Verbindung mit einem alten Brauch, nach dem ein Rächer bis zur Vollendung seiner Tat schwieg. Vidars gesamte Existenz ist auf die Rache für Odin beim Ragnarök ausgerichtet, auf die er im Verborgenen wartet.
Wie tötet Vidar den Wolf Fenrir?
Nach Snorri Sturluson setzt Vidar einen Fuß mit seinem dicken Schuh in den Unterkiefer des Wolfes, packt den Oberkiefer und reißt den Rachen auseinander. Die Völuspá berichtet dagegen, er stoße dem Wolf sein Schwert ins Herz. Der Schuh soll aus all den Lederresten bestehen, die Menschen beim Schuhmachen abschneiden.
Überlebt Vidar das Ragnarök?
Ja. Nach dem Vafþrúðnismál und der Prosa-Edda gehört Vidar zu den wenigen Göttern, die den Weltuntergang überleben. Gemeinsam mit seinem Halbbruder Vali, Thors Söhnen Modi und Magni sowie den zurückgekehrten Baldr und Höd lebt er danach auf dem Idafeld, wo einst Asgard stand.
Über diesen Artikel
Dieser Artikel basiert auf primären Quellen der nordischen Literatur, insbesondere den eddischen Gedichten Völuspá, Vafþrúðnismál, Grímnismál und Lokasenna sowie Snorri Sturlusons Prosa-Edda mit Gylfaginning und Skáldskaparmál, ergänzt durch das Bildzeugnis des Gosforth-Kreuzes und anerkannte Standardwerke der nordischen Religionsgeschichte. Die Bedeutung von Vidars Namen und seines Schweigens ist in der Forschung nicht abschließend geklärt. Alle Angaben ohne Gewähr.
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Stand der Informationen: Juni 2026