Wenn im Winter Schnee die Wälder Skandinaviens bedeckt und die Jäger auf Skiern durch die Stille ziehen, scheint ein Gott besonders nahe zu sein: Ullr, der Meister von Bogen und Ski. In der nordischen Mythologie gilt er als Gott des Winters und der Jagd, als vollendeter Bogenschütze und Skiläufer, mit dem sich niemand messen konnte. Dennoch gehört Gott Ullr zu den rätselhaftesten Gestalten des nordischen Götterhimmels. Keine einzige ausführliche Erzählung über ihn ist erhalten, und in den großen Mythen um Odin, Thor und Loki spielt er keine Rolle. Was wir über ihn wissen, stammt aus wenigen Sätzen bei Snorri Sturluson, aus vereinzelten Anspielungen in der Dichtung – und aus einer erstaunlich reichen Spur von Ortsnamen.
Gerade diese Ortsnamen lassen vermuten, dass Ullr einst weit bedeutender war, als die mittelalterlichen Texte erkennen lassen. In Norwegen und Schweden tragen zahlreiche Orte seinen Namen, darunter Stätten, an denen er offenbar in eigenen Heiligtümern verehrt wurde. Manche davon kennt man heute aus ganz anderem Zusammenhang, etwa als Namen großer Fußballstadien. Dieser Beitrag geht der Frage nach, wer der nordische Gott Ullr war, welche Aufgaben ihm zugeschrieben wurden und warum ausgerechnet er in der Neuzeit zum Schutzpatron der Skifahrer wurde.
Name, Herkunft und Familie
Der Name Ullr geht vermutlich auf ein germanisches Wort für Herrlichkeit oder Glanz zurück, das im Gotischen als wulþus und im Altenglischen als wuldor erhalten ist. Diese Bedeutung lässt an eine Gottheit von hohem Rang denken, möglicherweise an einen Gott, der ursprünglich mit dem strahlenden Himmel verbunden war. Ein frühes Zeugnis stammt aus dem heutigen Schleswig-Holstein: Auf einem Scheidenbeschlag aus dem Thorsberger Moor, einem Opferfund aus der Zeit um 200 nach Christus, steht eine Runeninschrift, die häufig als „Diener des Ullr“ gedeutet wird. Trifft diese Lesung zu, wurde der Gott bereits Jahrhunderte vor der Wikingerzeit verehrt – und zwar auch in einem Gebiet, das zur germanischen Welt des Kontinents gehörte.
In der Prosa-Edda nennt Snorri Sturluson Ullr einen Sohn der Göttin Sif und damit einen Stiefsohn des Donnergottes Thor. Wer sein Vater war, verschweigen die Quellen; offenbar stammte der Gott Ullr aus einer früheren Verbindung der Sif, über die nichts weiter bekannt ist. Snorri beschreibt ihn als schön von Gestalt, kriegerisch in seinem Wesen und so geschickt mit Bogen und Skiern, dass sich niemand mit ihm messen könne. Seine Wohnstätte heißt nach dem eddischen Gedicht Grímnismál Ýdalir, die „Eibentäler“. Der Name ist kaum zufällig gewählt, denn aus dem zähen, elastischen Holz der Eibe fertigte man im Norden die besten Bögen. So spiegelt selbst der Wohnort des Gottes seine wichtigste Eigenschaft als Meister des Bogens wider.
- Name – Wohl von einem germanischen Wort für Herrlichkeit, gotisch wulþus.
- Familie – Sohn der Sif, Stiefsohn des Donnergottes Thor, Vater unbekannt.
- Wohnstätte – Ýdalir, die „Eibentäler“, benannt nach dem Holz der Bögen.
- Fähigkeiten – Unübertroffener Bogenschütze und Skiläufer.
- Frühes Zeugnis – Runeninschrift aus dem Thorsberger Moor in Schleswig-Holstein, um 200 n. Chr.
Bogenschütze und Skiläufer
Die Skalden, die Dichter der Wikingerzeit, umschrieben Ullr mit Beinamen, die seine Fähigkeiten hervorheben: Er heißt Skigott, Bogengott, Jagdgott und Schildgott. Der Schild selbst konnte in der Dichtersprache „Ullrs Schiff“ genannt werden – eine Umschreibung, deren Hintergrund heute nicht mehr sicher zu erklären ist. Die Verbindung mit Skiern und Jagd hat dazu geführt, dass Ullr heute meist als Gott des Winters bezeichnet wird. In den mittelalterlichen Quellen findet sich dieser Titel so allerdings nicht; er ist eine naheliegende moderne Zusammenfassung seiner Eigenschaften. Für die Menschen des Nordens, die im Winter auf Skiern jagten und reisten, war ein Gott, der beides vollendet beherrschte, gewiss von besonderer Bedeutung. Jagd, Schnee und Bewegung durch eine winterliche Landschaft bildeten den Rahmen, in dem Ullr seine Kunst entfaltete.
Ein Gott für Zweikampf und Eid
Snorri fügt hinzu, es sei gut, den Gott Ullr im Zweikampf anzurufen – ein Hinweis darauf, dass der Gott auch mit dem geordneten Kampf und mit Fragen der Ehre verbunden war. Dazu passt eine Stelle im eddischen Atli-Lied, in der die Heldin Gudrun ihren Gemahl an Eide erinnert, die er einst beim Ring des Ullr geschworen hatte. Offenbar gab es Ringe, auf die man im Namen des Gottes feierliche Schwüre leistete. Eine weitere, schwer verständliche Stelle im Grímnismál verspricht demjenigen die Gunst Ullrs und aller Götter, der als Erster an das Feuer greife – vermutlich eine Anspielung auf ein Ritual, dessen genaue Gestalt verloren ist. Zusammen deuten diese Spuren darauf hin, dass Ullr einst eine wichtige Rolle im religiösen Leben spielte, die weit über die Jagd hinausging.
Spuren des Ullr in Ortsnamen und Funden
Norwegen
Ullensaker – zur Namensform Ullinn
Schweden
Lilla Ullevi – Kultplatz mit Amulettringen
Ulleråker – „Ullrs Acker“, Uppsala
Schleswig-Holstein
Dänemark und Island
-vål = Feld, Wiese
-åker / -aker = Acker
Die Häufung in Ostnorwegen und Mittelschweden deutet auf eine alte, regional verwurzelte Verehrung hin
Ein vergessener Hauptgott? Die Spur der Ortsnamen
Die eindrücklichsten Zeugnisse für die Verehrung des Ullr sind nicht Texte, sondern Ortsnamen. In Ostnorwegen und Mittelschweden finden sich Dutzende Orte, deren Namen mit dem Gott verbunden sind. Sie kombinieren seinen Namen häufig mit Wörtern für Heiligtum, Feld oder Acker: Ullevi bedeutet etwa „Heiligtum des Ullr“, Ullevål „Ullrs Feld“ und Ulleråker „Ullrs Acker“. Einige dieser Namen sind heute weit über Skandinavien hinaus bekannt, denn nach ihnen wurden das Ullevi-Stadion in Göteborg und das Ullevaal-Stadion in Oslo benannt. Auffällig ist zugleich, wo solche Namen fehlen: In Dänemark sind sie kaum, in Island praktisch nicht belegt. Die Verehrung des Gottes Ullr scheint also regional verwurzelt gewesen zu sein und in der späten Wikingerzeit, als Island besiedelt wurde, bereits an Bedeutung verloren zu haben.
Ein archäologischer Fund hat diese Spur eindrucksvoll bestätigt. Bei Straßenbauarbeiten nordwestlich von Stockholm wurde 2007 an einem Ort namens Lilla Ullevi ein Kultplatz freigelegt, an dem man zahlreiche kleine Amulettringe aus Eisen fand – ein bemerkenswertes Echo des „Rings des Ullr“, den das Atli-Lied erwähnt. Für viele Forscher ist damit belegt, dass Ullr in bestimmten Regionen Skandinaviens einst eigene Heiligtümer besaß und eine bedeutende Rolle im Kult spielte. Manche vermuten sogar, er sei in vorwikingischer Zeit einer der Hauptgötter gewesen, der später von Odin und Thor in den Hintergrund gedrängt wurde. Auf eine ältere Vielschichtigkeit deutet auch eine verwandte Namensform, Ullinn, hin, die in norwegischen Ortsnamen wie Ullensaker erscheint und möglicherweise eine eigene, mit Ullr verbundene Gottheit bezeichnet.
| Zeugnis | Inhalt | Bedeutung |
|---|---|---|
| Runeninschrift aus dem Thorsberger Moor | Wird als „Diener des Ullr“ gedeutet | Möglicher früher Beleg um 200 n. Chr. |
| Prosa-Edda | Sohn der Sif, Bogenschütze und Skiläufer | Wichtigste Beschreibung des Gottes |
| Grímnismál | Wohnstätte Ýdalir, Gunst für den, der ans Feuer greift | Hinweis auf Eibenbogen und verlorenes Ritual |
| Atli-Lied | Eide beim Ring des Ullr | Verbindung mit Schwur und Ehre |
| Skaldische Umschreibungen | Skigott, Bogengott, Schild als „Ullrs Schiff“ | Bild des Gottes in der Dichtung |
| Ortsnamen | Ullevi, Ullevål, Ulleråker und viele weitere | Regionale Verehrung in Norwegen und Schweden |
| Lilla Ullevi | Kultplatz mit Amulettringen, 2007 entdeckt | Archäologische Bestätigung eines Heiligtums |
Ollerus: Ullr bei Saxo Grammaticus
Eine ganz eigene Fassung überliefert der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus um 1200 in seinen Gesta Danorum. Dort erscheint ein Mann namens Ollerus, in dem man allgemein Ullr erkennt. Als Odin wegen eines schmachvollen Vergehens von den übrigen Göttern verbannt wird, setzen sie Ollerus an seine Stelle; er regiert unter dem Namen Odins und genießt die gleichen Ehren. Nach Saxo war er ein so geschickter Zauberer, dass er auf einem mit Zaubersprüchen versehenen Knochen über das Meer fahren konnte. Manche Forscher sehen darin eine Anspielung auf Knochenkufen oder Schlittschuhe, wie sie im Norden tatsächlich verwendet wurden. Als Odin nach zehn Jahren zurückkehrt, muss Ollerus weichen, flieht nach Schweden und wird dort erschlagen. Saxo erzählt die Götter als Menschen, doch die Episode zeigt, dass Ullr in der Überlieferung als möglicher Stellvertreter des höchsten Gottes galt.
Der Gott Ullr in der Neuzeit: Schutzpatron der Skifahrer
In der Neuzeit erlebte der Gott des Winters und der Jagd Ullr eine überraschende Wiederkehr. Weil Snorri ihn als unübertroffenen Skiläufer beschreibt, wurde er im zwanzigsten Jahrhundert zu einer Art Schutzpatron des Wintersports. Skifahrer tragen Medaillen mit seinem Bild als Glücksbringer, und im amerikanischen Wintersportort Breckenridge in Colorado findet seit den 1960er Jahren jedes Jahr ein Fest zu seinen Ehren statt, bei dem um reichlich Schnee gebeten wird. In populären Darstellungen wird er zudem oft als Gemahl der Skadi bezeichnet, der ski- und jagdkundigen Riesin, die nach ihrer gescheiterten Ehe mit Njörd zu ihm gefunden haben soll. Diese Verbindung ist in den mittelalterlichen Quellen allerdings nicht belegt, so naheliegend sie erscheinen mag. Der wahre Ullr bleibt ein Gott voller Rätsel: einst offenbar hoch verehrt, in den Texten fast vergessen und heute lebendiger denn je auf den Skipisten der Welt.
Quellen und weiterführende Literatur
Häufige Fragen zum Gott des Winters Ullr
Wer war der Gott Ullr?
Ullr war ein nordischer Gott, den Snorri Sturluson als Sohn der Sif und Stiefsohn Thors beschreibt. Er galt als unübertroffener Bogenschütze und Skiläufer, schön und kriegerisch, und wurde im Zweikampf angerufen. Ausführliche Erzählungen über ihn sind nicht erhalten, doch zahlreiche Ortsnamen zeugen von seiner einstigen Verehrung.
Warum gilt Ullr als Gott des Winters?
Ullr wird vor allem wegen seiner Verbindung mit Skiern, Bogen und Jagd als Gott des Winters bezeichnet. Die Skalden nannten ihn Skigott und Jagdgott. Der Titel „Gott des Winters“ selbst findet sich in den mittelalterlichen Quellen jedoch nicht, sondern ist eine moderne Zusammenfassung seiner Eigenschaften.
Welche Spuren hat Ullr hinterlassen?
Neben wenigen Textstellen zeugen vor allem Ortsnamen in Norwegen und Schweden wie Ullevi, Ullevål und Ulleråker von seiner Verehrung. Hinzu kommen eine Runeninschrift aus dem Thorsberger Moor um 200 nach Christus und der 2007 entdeckte Kultplatz Lilla Ullevi mit zahlreichen Amulettringen.
War Ullr mit Skadi verheiratet?
In populären Darstellungen wird Ullr oft als Gemahl der Riesin Skadi bezeichnet, da beide mit Skiern und Jagd verbunden sind. In den mittelalterlichen Quellen ist diese Verbindung jedoch nicht belegt; sie beruht auf späteren Vermutungen.
Über diesen Artikel
Dieser Artikel basiert auf primären Quellen der nordischen Literatur, insbesondere Snorri Sturlusons Prosa-Edda mit Gylfaginning und Skáldskaparmál, den eddischen Gedichten Grímnismál und Atlakviða sowie den Gesta Danorum des Saxo Grammaticus, ergänzt durch Runeninschriften, die skandinavische Ortsnamenforschung, archäologische Befunde wie den Kultplatz Lilla Ullevi und anerkannte Standardwerke der nordischen Religionsgeschichte. Die Deutung des Namens, der Thorsberger Inschrift und der einstigen Bedeutung des Gottes wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt. Alle Angaben ohne Gewähr.
Transparenzhinweis: Bei der Erstellung dieses Beitrags wurde künstliche Intelligenz als Hilfsmittel eingesetzt. Die finale Fassung wurde vor der Veröffentlichung durch den Betreiber dieser Website geprüft. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim Websitebetreiber.
Stand der Informationen: Juni 2026