Krieg zwischen Asen und Wanen | Verlauf des Wanenkriegs

Der Krieg zwischen Asen und WanenDer Krieg zwischen Asen und Wanen gehört zu den grundlegenden Konflikten der nordischen Mythologie. Zwei Göttergruppen kämpfen gegeneinander, ohne dass sich in Snorris ausführlicher Darstellung eine Seite dauerhaft durchsetzen kann. Schließlich schließen sie Frieden und tauschen Geiseln aus. Der Wanenkrieg erklärt damit, weshalb Gottheiten unterschiedlicher Herkunft später derselben göttlichen Gemeinschaft angehören. Seine Folgen reichen vom Aufenthalt Njörds und Freyrs bei den Asen über Mimirs abgetrenntes Haupt bis zur Entstehung Kvasirs. Diese Motive sind allerdings auf mehrere Texte verteilt und ergeben keine vollständig überlieferte Kriegschronik.

Die wichtigsten Zugänge bieten die Völuspá, Snorri Sturlusons Ynglinga saga und die Skáldskaparmál. Die Religionshistorikerin Hilda Ellis Davidson fasste eine wesentliche Schwierigkeit in Scandinavian Mythology so zusammen: Snorri erzählt darüber zwei unterschiedliche Mythen (eigene Übersetzung). Gemeint sind verschiedene Ausgestaltungen des Konflikts und seines Friedensschlusses. In der Ynglinga saga erscheinen die Götter als Herrscher und Priester einer sagenhaften Frühgeschichte. Auch die Gedichtstellen erzählen nicht jeden Schritt aus. Wer den Asen-Wanen-Krieg nachvollziehen möchte, muss deshalb zwischen den knappen Bildern der Götterdichtung und den ausführlicheren Prosaberichten unterscheiden. Gerade dadurch werden die offenen Fragen sichtbar, ohne die eigentliche Handlung aus dem Blick zu verlieren.

Drei Perspektiven auf den Wanenkrieg

Völuspá: Gewalt und Kampf

Gullveig überlebt das Feuer. Odin wirft in das Heer. Die Befestigung der Asen bricht.

Ynglinga saga: Krieg und Vertrag

Wechselnde Erfolge und Verwüstungen führen zu Friedensverhandlungen und einem Geiselaustausch.

Skáldskaparmál: Frieden und Weisheit

Aus dem gemeinsamen Friedenszeichen entsteht Kvasir. Seine Geschichte erklärt den Ursprung des Dichtermets.

Die Texte setzen unterschiedliche Schwerpunkte und lassen sich nicht in allen Einzelheiten zu einer einzigen Handlung verbinden.

Welche Götter stehen sich im Wanenkrieg gegenüber?

Auf der Seite der Asen steht Odin, der in der Ynglinga saga den Feldzug anführt. Auch Thor gehört zu diesem Götterkreis, erhält in den zentralen Kriegsstellen jedoch keine ausgeführte eigene Schlachtgeschichte. Als Wanen begegnen besonders Njörd und seine Kinder Freyr und Freya. Nach der üblichen Einordnung sind mit ihnen Wohlstand, Fruchtbarkeit und besondere Formen des Zaubers verbunden. Der Konflikt wird somit innerhalb der Götterwelt ausgetragen. Die Wanen sind in dieser Erzählung eigenständige Gegner und spätere Partner der Asen.

Die bekannte Gegenüberstellung von kriegerischen Asen und friedlichen Fruchtbarkeitsgöttern greift für den Verlauf zu kurz: Die Wanen verteidigen sich erfolgreich und können die Befestigung der Asen überwinden. Ihre Macht beschränkt sich also nicht auf Wachstum oder Wohlstand. Umgekehrt spielen Wissen und Zauberkunst auch für Odin eine wichtige Rolle. Entscheidend ist weniger eine starre Verteilung sämtlicher Aufgaben als die Begegnung zweier Gruppen, die einander weder einfach vernichten noch dauerhaft ausschließen. Der spätere Austausch führt dazu, dass einzelne Wanen zentrale Plätze unter den Asen einnehmen.

Gullveig und die Frage nach dem Auslöser des Krieges

Die Völuspá verbindet die Erinnerung an den ersten Krieg der Welt mit einer rätselhaften Frau namens Gullveig. Sie wird mit Speeren angegriffen und in der Halle Hárs, also Odins, verbrannt. Dreimal wird sie verbrannt und dreimal geboren; dennoch lebt sie weiter. Die folgende Strophe schildert Heiðr als zauberkundige Seherin, die Häuser aufsucht und Seiðr ausübt. Beide Gestalten werden häufig miteinander verbunden. Die Verse nennen jedoch keine ausführliche Vorgeschichte, in der eine klar bezeichnete Gesandte der Wanen mit einem bestimmten Auftrag nach Asgard kommt.

Gullveigs Misshandlung wird gewöhnlich als Vorgeschichte oder Auslöser des Götterkrieges gelesen. Ihre Gleichsetzung mit Freya ist dagegen eine Deutung, keine ausdrückliche Namensgleichung des Gedichts. Auch eine fest umrissene Forderung der Wanen nach Entschädigung lässt sich nicht als vollständig erzählter diplomatischer Vorgang wiedergeben. Eine weitere Strophe lässt die Götter über Abgaben beziehungsweise gemeinsame Ansprüche auf Verehrung beraten; auch deren genaue Bedeutung ist umstritten. In der Ynglinga saga beginnt der Bericht anders: Odin zieht gegen das Land der Wanen, ohne dass Snorri dort Gullveig als Ursache nennt. Für die Frage nach dem Kriegsgrund bleiben deshalb mehrere Möglichkeiten offen. Überliefert ist vor allem die Verbindung von Gewalt, Beratung und anschließendem Kampf.

Wie verlief der Krieg zwischen Asen und Wanen?

Zu den stärksten Bildern der Völuspá gehört Odins Wurf in das gegnerische Heer, den Bellows als Speerwurf übersetzt. Darauf folgt der Bruch der Befestigung der Asen; die Wanen dringen auf das Kampffeld vor. Das Gedicht vermittelt damit eine schwere Erschütterung der göttlichen Ordnung. Aus diesen wenigen Versen entsteht jedoch kein genauer Schlachtenplan mit Truppenstärken, mehreren benannten Feldzügen oder einzelnen Duellen. Auch die vollständige Vernichtung Asgards wird dadurch nicht ausdrücklich erzählt. Der Mauerbruch zeigt vor allem, dass die Asen ihre Gegner nicht auf Abstand halten können.

Snorris Ynglinga saga, Kapitel 4, beschreibt den militärischen Verlauf allgemeiner. Odin greift mit einem großen Heer an, doch die Wanen sind vorbereitet und verteidigen ihr Land. Der Erfolg wechselt zwischen den Parteien, beide verwüsten das Gebiet der anderen und richten großen Schaden an. Schließlich werden sie des Kampfes müde und vereinbaren Verhandlungen. Eine bestimmte Anzahl von Kriegsjahren nennt dieser Bericht nicht. Der Wanenkrieg endet hier durch gegenseitige Erschöpfung und eine ausgehandelte Verständigung. Ein eindeutiger militärischer Gesamtsieger lässt sich aus dieser Fassung daher nicht benennen.

Wichtige Figuren im Wanenkrieg

Personen und ihre Aufgaben in den genannten Überlieferungen. Kvasirs Herkunft unterscheidet sich je nach Fassung.
Figur Zugehörigkeit Rolle im Stoff
Odin Asen Führt den Feldzug an und bewahrt später Mimirs Haupt.
Njörd Wanen Kommt als Geisel zu den Asen und wird Opferpriester.
Freyr Wanen Wird mit seinem Vater Njörd übergeben und erhält ein Priesteramt.
Hœnir Asen Kommt zu den Wanen und wird dort zum Anführer gemacht.
Mimir Asen Berät Hœnir, wird enthauptet und bleibt Odin als sprechendes Haupt erhalten.
Freya Wanen Lehrt die Asen den bei den Wanen gebräuchlichen Seiðr.
Kvasir Je nach Fassung unterschiedlich Ist in der Ynglinga saga ein weiser Wane; in der Skáldskaparmál entsteht er aus dem Friedenszeichen beider Gruppen.

Der Friedensschluss und der Austausch der Geiseln

Nach der Ynglinga saga sichern die Parteien den Frieden durch einen Geiselaustausch. Die Wanen schicken Njörd und seinen Sohn Freyr zu den Asen. In die andere Richtung gehen Hœnir und Mimir; außerdem nennt der Text den weisen Kvasir als Gabe der Wanen. Solche Geiseln sind in der Erzählung bedeutende Personen, deren Übergabe die Vereinbarung festigen soll. Dass Njörd als Geisel zu den Göttern kommt, ist auch im eddischen Lied Vafþrúðnismál bezeugt. Das Motiv steht damit nicht ausschließlich in Snorris Prosabericht.

Odin setzt Njörd und Freyr als Opferpriester ein. Njörds Tochter Freya wird ebenfalls als Opferpriesterin beschrieben und lehrt die Asen den bei den Wanen gebräuchlichen Seiðr. Ihre Rolle verdeutlicht, dass die Annäherung auch Wissen und religiöse Praxis betrifft. In der ausdrücklichen Geiselliste dieses Kapitels stehen jedoch Njörd und Freyr; Freyas spätere Nennung sollte nicht unbemerkt zur Behauptung erweitert werden, sie werde dort ebenfalls als übergebene Geisel aufgezählt. Der Bericht beschreibt eine Verbindung der Gemeinschaften, deren Mitglieder eigene Fähigkeiten und Traditionen mitbringen.

Warum die Wanen Mimir enthaupten

Der Austausch beseitigt das Misstrauen nicht vollständig. Hœnir wird bei den Wanen zum Anführer gemacht, während Mimir ihm mit klugem Rat zur Seite steht. Sobald Mimir fehlt und eine schwierige Frage entschieden werden muss, verweist Hœnir auf die anderen und fordert sie zur Beratung auf. Die Wanen gewinnen dadurch den Eindruck, beim Tausch getäuscht worden zu sein: Der eindrucksvolle neue Anführer erweist sich ohne seinen Begleiter als unzureichend. Ihre Reaktion trifft jedoch Mimir. Sie enthaupten den weisen Berater und senden seinen Kopf zu den Asen zurück.

Odin behandelt das Haupt mit Kräutern, damit es nicht verwest, und spricht Zauber darüber. Anschließend kann es zu ihm sprechen und verborgenes Wissen offenbaren. Diese Episode erklärt innerhalb der Ynglinga saga, weshalb Odin Rat von Mimirs abgetrenntem Kopf erhält. Zugleich zeigt sie die Gefährdung einer Friedensordnung, deren Partner einander weiterhin misstrauen. Einen ausführlich geschilderten zweiten Krieg als unmittelbare Antwort auf die Enthauptung erzählt das Kapitel nicht. Die Gewalttat bleibt dennoch Teil der Nachgeschichte: Der ausgehandelte Ausgleich führt nicht dazu, dass sämtliche Spannungen zwischen den Gruppen sofort verschwinden.

Kvasir: Wie aus dem Frieden Weisheit entsteht

Die Skáldskaparmál bietet ein anderes Bild des Friedensschlusses. Asen und Wanen kommen zusammen und spucken gemeinsam in ein Gefäß. Aus diesem Friedenszeichen erschaffen die Götter Kvasir, dessen Weisheit jede Frage beantworten kann. Die Handlung macht die Einigung körperlich anschaulich: Beide Seiten tragen zu etwas Gemeinsamem bei, das anschließend eine eigene Gestalt erhält. Kvasir ist hier das Ergebnis ihrer Verständigung. In der Ynglinga saga war er dagegen bereits der weiseste Mann der Wanen und wurde beim Austausch übergeben. Diese beiden Erklärungen sind unterschiedliche Fassungen.

Kvasirs weitere Geschichte führt zum Ursprung des Dichtermets. Die Zwerge Fjalar und Galar töten ihn und vermischen sein Blut mit Honig. Daraus entsteht der Met, dessen Genuss dichterische Begabung und Gelehrsamkeit verleiht. Für den Wanenkrieg ist daran vor allem bedeutsam, dass der Frieden in dieser Fassung eine neue Quelle des Wissens hervorbringt. Die Geschichte wechselt vom Kampf zur Entstehung einer besonderen Fähigkeit. Das gemeinsame Friedenszeichen wird jedoch erneut Opfer von Gewalt. Weisheit erscheint damit als kostbare Folge der Verständigung, deren Besitz und Weitergabe selbst neue Konflikte auslösen.

Was bedeutet der Asen-Wanen-Krieg in der Forschung?

Der Götterkrieg wurde häufig als mythologische Erinnerung an die Begegnung unterschiedlicher Kultgemeinschaften verstanden. Daraus lässt sich jedoch keine gesicherte Geschichte ableiten, in der ein genau bestimmbares Bauernvolk von einer ebenso klar umrissenen Kriegerbevölkerung unterworfen wurde. Die Texte nennen keine solchen historischen Parteien. Auch die Abgrenzung der Wanen als feste Göttergruppe wird wissenschaftlich diskutiert. Clive Tolley verteidigt ihre Bedeutung, warnt aber zugleich davor, ein überall einheitliches skandinavisches Glaubenssystem vorauszusetzen. Regionale und zeitliche Unterschiede gehören zur Einordnung der mittelalterlich überlieferten Vorstellungen.

Wie weit die Lesarten auseinandergehen, zeigt Tommy Kuuselas Untersuchung von 2019: Er versteht Gullveig als Riesin und deutet den betreffenden Völuspá-Abschnitt als Konflikt der vereinten Götter mit den Riesen. Diese alternative Erklärung ersetzt nicht den ausdrücklichen Asen-Wanen-Krieg der Ynglinga saga; sie betrifft die Auslegung des Gedichts. Als Erzählmotive bleiben besonders der erfolglose Versuch gewaltsamer Durchsetzung, der vertragliche Ausgleich und der Austausch von Wissen greifbar. Der Frieden schafft neue Beziehungen innerhalb der Götterwelt. Seine verschiedenen Darstellungen erklären zugleich, weshalb der Stoff mehr als eine einzige, lückenlos rekonstruierbare Handlung umfasst.

Häufige Fragen zum Krieg zwischen Asen und Wanen

Warum kam es zum Krieg zwischen Asen und Wanen?

Die Ursache ist nicht eindeutig überliefert. Die Gewalt gegen Gullveig in der Völuspá wird häufig als Auslöser verstanden. In der Ynglinga saga greift Odin die Wanen an, ohne dass Gullveig dort als Kriegsgrund genannt wird.

Wer gewann den Wanenkrieg?

In der Ynglinga saga kann sich keine Seite dauerhaft durchsetzen. Beide verwüsten das Land der anderen, werden des Kampfes müde und schließen Frieden. Die Völuspá schildert einen Durchbruch der Wanen durch die Befestigung der Asen, aber keinen vollständigen Kriegsverlauf.

Welche Geiseln tauschten Asen und Wanen aus?

Nach der Ynglinga saga kommen Njörd und Freyr zu den Asen; zusätzlich wird der weise Kvasir von den Wanen übergeben. Die Asen schicken Hœnir und Mimir zu den Wanen.

Welche Rolle spielt Freya nach dem Wanenkrieg?

Die Ynglinga saga beschreibt Freya als Opferpriesterin, die den Asen den bei den Wanen gebräuchlichen Seiðr vermittelt. Ihre Gleichsetzung mit Gullveig ist eine wissenschaftliche Deutung und wird in der Völuspá nicht ausdrücklich ausgesprochen.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Lieder-Edda: Völuspá und Vafþrúðnismál. Völuspá, Strophen 21–24, sowie Vafþrúðnismál, Strophen 38–39, Übersetzung Henry Adams Bellows. In Bellows’ Völuspá-Ausgabe ist die Reihenfolge der Strophen 23 und 24 gegenüber den Handschriften vertauscht. Übersetzerkommentare sind von den Versen zu unterscheiden.
  2. Snorri Sturluson: Ynglinga saga, Kapitel 4. Of Odin’s War with the People of Vanaland, Übersetzung Samuel Laing: Feldzug, Friedensschluss, Geiselaustausch, Mimirs Enthauptung und Freyas Seiðr.
  3. Snorri Sturluson: Skáldskaparmál. Anfangsteil, Erzählung über den Ursprung der Dichtkunst, Übersetzung Arthur Gilchrist Brodeur (1916), S. 93–94: gemeinsames Friedenszeichen, Kvasir und Dichtermet.
  4. Hilda R. Ellis Davidson: Scandinavian Mythology. Hamlyn, 1969, Abschnitt „War of the Aesir and the Vanir“, S. 94–95. Digitalisat mit einsehbarem Buchtext bei Scribd. Das kurze Zitat im Beitrag wurde aus dem englischen Original selbst ins Deutsche übersetzt.
  5. Clive Tolley: In Defence of the Vanir. RMN Newsletter 2 (2011), S. 20–29, Volltext bei der Universität Helsinki: Diskussion der Wanen, ihrer literarischen Belege und der Unterschiede zwischen regionalen und zeitlichen Traditionen.
  6. Tommy Kuusela: Halls, Gods, and Giants: The Enigma of Gullveig in Óðinn’s Hall. In: Myth, Materiality, and Lived Religion: In Merovingian and Viking Scandinavia, Stockholm University Press, 2019, S. 25–57, DOI: 10.16993/bay.c. Frei zugänglicher Kapiteltext: Forschungsüberblick und alternative Deutung Gullveigs als Riesin.
Stand der Informationen: 26. Oktober 2026